Ein Zyniker ist ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten. 
Ambrose Bierce


Geschichte

Wie kam das Leben auf die Erde?

 oder:

 Wie man sich tÀuschen kann!


Das leichte vibrieren der „Genesis“ verstÀrkt noch dieses unangenehme GefÃŒhl im Kopf. Jedes mal wenn er den Zeitsprung auf der Basis ÃŒbte, auch wenn er noch so klein war, erzeugt in seinem Hirn ein dumpfes Grollen, welches seine ersten Gedanken nach der Stase zu blockieren drohte. Er hat auch jetzt einige MÃŒhe, sich zu fassen und nicht einfach gehen zu lassen. Elektrisierende DonnerschlÀge lassen seinen Körper im Sekundentakt erbeben. Warum hat er das GefÃŒhl, diese StromschlÀge gelten nur ihm? Dann vernimmt er seinen Namen.

>KapitÀn Burg.....KapitÀn Burg.....KapitÀn Burg....<

Die quÀkende Stimme aus dem Lautsprecher seines Anzuges zwingt ihn zur Gegenwehr und er muss sich bewegen - erst den Arm in Richtung Brust und dann einen Finger um den Kommunikator, der auf seinem Brustbein liegt, zu deaktivieren und alles nur um diese nervtötende Stimme zum schweigen zu bringen. Diese kleine Bewegung reicht aber aus, um seinen Wiederstand gegen das Aufwachen zu brechen und er wird sich schlagartig bewusst, wo er ist und warum er hier ist.

>Genesis-Forscher - verdammt!<, murmelt er in sich hinein.
Sofort quÀkt die Stimme wieder los:
>Ich habe ihre Anweisung nicht verstanden. WÀren sie bitte so freundlich und wÌrden diese wiederholen? Sie wissen sicher noch, dass ich nicht in der Lage bin, ich meine nur recht schwer, menschliche Euphorismen ......<
>PI?!<
>Ja?<, kommt die prompte Antwort aus dem Mikrolautsprecher.
Mit gespielter HÀrte in der Stimme gibt der KapitÀn seine erste Anweisung nach dem Sprung an seinen Androiden:
>Halt' einfach nur den Mund!<

Einige Sekunden herrschte Stille und gespannt wartet KapitÀn Burg auf die Reaktion seines Androiden. Er kennt ihn genau, denn er arbeitet schon seit 37 Jahren mit ihm zusammen. Noch heute kann er sich genau an den ersten Tag mit ihm, am Institut fÃŒr Temporalismus, erinnern. Damals war PI das neuste Modell von Android. Heute ist er schon ein bisschen in seiner Programmierung verstaubt, aber immer noch sehr zuverlÀssig. KapitÀn Burg ist ein Verfechter der „Change never runnig systems“ (kein Mensch weiß, woher dieser Satz stammt, aber er ist heute sehr weit verbreitet) Theorie und wÃŒrde sich um nichts in der Welt von seinem Androiden trennen. WÀhrend er nun gespannt auf die oft weit ausschweifenden ErlÀuterungen von PI wartet, beginnt Burg sich aus seinem Anzug zu schÀlen und freut sich dabei auf die Dusche und auf die Tasse Tee in der KombÃŒse.

>Ich verstehe!<, fÀngt der Android wieder zu plappern an,
>Sie mÃŒssen nur noch prÀzisieren! Soll ich nur mit ihnen nicht reden, oder gilt das fÃŒr die ganze Besatzung, aber dann wÃŒrde ich vorschlagen, dass ich ihren technischen Berater, den Dr. Saraszewitsch von dieser Regelung ausnehme, da nur er mit den Daten der Temporalismen etwas anfangen kann, und da ich die Schnittstelle zwischen Schiff und Besatzung bin, muss ich einen Ansprechpartner haben. In diesem Zusammenhang darf ich auf die Dienstvorschrift vom 36.15. 124 nach Normnull- §42/1.1.3 Anhang 12 erinnern, die besagt, dass der Schiffsandroide im Falle einer tendenziellen UnregelmÀßigkeit von mehr von 0,3211% der Schiffssysteme, die.......<.

Burg hört nicht mehr zu. Er trocknet sich ab und bekleidet sich mit seiner Uniform. Ein wenig Stolz macht sich in seiner Brust breit, als er die Ärmel seiner Jacke glatt zieht. Die 5 silbernen Sterne am Umschlag erinnern ihn an zu Hause und an seine zwei Töchter. Er erinnert sich an die leuchtenden Augen der Zwillinge, als er am Tag seiner Beförderung zum ersten mal diese Sterne prÀsentierte. An diesem Tag war Papa der größte Held auf der Erde.
Angst kriecht in ihm hoch. Was ist, wenn der „RÃŒckflug“ nicht klappt? Sie waren sechs Jahre als er Abschied nahm. Laut Planung des Institutes soll die „Genesis“ knapp zwei Minuten nach dem Start in der Normalzeit wieder landen. Er wÃŒrde in dieser Zeit Milliarden von Jahren unterwegs gewesen sein, aber gerade einmal 710 km von der Erde entfernt - wenn die Berechnungen von PI stimmen!

PI wurde extra fÌr diese Mission zwei Jahre lang von Burg umprogrammiert, um auf alle denkbaren Hindernisse im Temporalfrakturverfahren regieren zu können. Ein hartes StÌck Arbeit, denn PI hat nur begrenzte KapazitÀten. So musste er ihn so konfigurieren, dass wÀhrend den Berechnungen sÀmtliche Sensorik abgeschaltet ist, um die Fehlerquote so gering wie möglich zu halten.

Als er den Gang zur KombÃŒse betritt, wurde ihm bewusst, dass PI seinen Vortrag ÃŒber die Interpretation seines Befehls immer noch nicht beendet hat. Burg stellt sich vor, wie Pi rundherum verkabelt im Laderaum sitzt und munter vor sich hin redet. Dieser Gedanke entbehrt nicht einer gewissen Komik und Burg kann ein breites Grinsen, welches sich ÃŒber sein Gesicht zieht, nicht verhindern.

>PI!<, unterbricht Burg den unaufhörlichen Redeschwall seines Androiden, welcher auch abrupt schweigt.
>Den Status bitte - kurz und knapp!<.
>Systemzeit: +15 Minuten von Zeitpunkt X,
Erdzeit:  -2 Milliarden Jahre von Zeitpunkt X,
Schiff: Alle Systeme in zulÀssigen Parametern,
Mannschaft: Alle wohlauf und in der KombÃŒse. Ich denke, sie werden schon erwartet.<

An der Schleuse zur KombÌse bleibt Burg noch einmal kurz stehen. Er hasst diese Augenblicke, bei denen er zeigen muss, dass er der Chef ist, was ihm aber gar nicht behagt. Ein kurzer Blick auf seine Uniform und einmal strecken wÀhrend sein Körper von der Ferse Ìber den Ballen auf die Zehen wippt. Mit Schwung öffnet er die Schleuse und steht auch schon zwischen seiner Mannschaft.

Die GesprÀche verstummen augenblicklich und alle schauen ihn nur erwartungsvoll an. Selbst Lisa Moguba, die wenig von AutoritÀt hÀlt und gegen diese auch mit ihrem afrikanischen Temperament diskutiert, erstarrt in der Bewegung in dem Moment, in dem sie gerade einen Schluck Kaffee zu sich nehmen will. Sie ist ein KÀmpfer, was ihr auch den Rang des Exobiologen ersten Ranges einbrachte. Burg hatte aber immer das GefÌhl, dass sie mit ihrer Karriere nicht zufrieden ist. Ihm sind die Blicke von Lisa aufgefallen, wenn Burg seine Zwillinge mit ins Institut brachte. Ihm wurde damals schnell klar, dass Lisa sich nach einer Familie sehnt. Eine bemerkenswerte Frau!

Die Blicke der Mannschaft zerren an seiner Person, bis er das GefÌhl hat, einsam und nackt zu sein. Genau das ist dieser Moment, den er hasst. Er wÌnscht sich, dass sich der Boden auftut und er versinkt, was aber schlecht möglich ist, da sie in einem Raumschiff sind und er dann ja im All schweben wÌrde. Burg ertappte sich bei seinen unlogischen Gedanken und muss unwillkÌrlich Ìber sich selbst lÀcheln. Dieses LÀcheln ist das Signal an die Mannschaft, weiter zu machen. Burg bekommt ein flÌchtiges LÀcheln zurÌck gesandt und die GesprÀche werden wieder aufgenommen.
Bei sich denkt Burg: Diese vier Besatzungsmitglieder sollten nun die Frage der Menschheit klÀren, wie, wann und vor allem wo das Leben auf der Erde erschien. War es ein Komet oder ist es von allein entstanden? Waren Außerirdische am Werk oder ein Gott? Die Wissenschaftler auf der Erde versprechen sich von den Ergebnissen endlich auch die KlÀrung der Frage nach außerirdischem Leben.

>Bekomme ich auch was zu trinken?<, fragt Burg mehr zu sich selbst. In diesem Moment springt Blomberg, der Schiffsingenieur, hinter Burg hervor.
>Ich habe fÃŒr sie schon Wasser in den Thermalator gelassen.<, versucht er wie immer Burg zu umgarnen. Es ist eine Eigenart von ihm, sich stÀndig mit der „Obrigkeit“ zu arrangieren, was ihm die soziale Isolierung einbrachte. Es macht ihm aber nichts aus, denn dieser Mann ist nur mit seiner Maschine verheiratet und legt keinen Wert auf Kontakte mit Menschen, geschweige denn möchte er mit ihnen kommunizieren. Blomberg ist glÃŒcklich in seiner Welt.
Mit einem mal fragt Lisa fast panisch und mit erhobener Stimme in den Raum:
>Wo ist denn Lambert?<. Man merkte schon bei der Ausbildung im Institut, dass zwischen den Beiden etwas zu Laufen schien, nur dass sich Lisa Moguba und Bernd Lambert wie Schulkinder benehmen und sich so nie bekommen können. Sie ist in punkto MÀnner mehr als schÃŒchtern. Von ihrer KÀmpfernatur ist dann nichts mehr zu merken und Bernd ist ein leichtfÌßiger Holzklotz, der seine Unsicherheiten mit einem flotten Spruch ÃŒberspielt, dabei aber oft in ein FettnÀpfchen tritt.
Auch als Sicherheitstechniker zeigt er oft Leichtfertigkeiten, man könnte meinen, dass er gar kein Interesse an seinem Job hat und diesen nur wegen der Sonderzulage macht. Trotzdem ist er ein Genie, wenn es gilt, ein Problem zu lösen. Burg traut ihm sogar zu, dass er einen defekten Reaktor mit einem Kaugummi und einem Taschenmesser reparieren könnte.

Dr. Saraszewitsch, der bis zu diesem Moment still an seinem Tisch saß, sah nur kurz auf und brummt:
>Lambert ist auf dem Urinator<.

Ein leiser Gong aus dem Bordlautsprecher kÃŒndigt eine wichtige Mitteilung an und prompt plappert PI:
>Achtung, wir haben unsere Position erreicht. Ich möchte alle Mannschaftsmitglieder bitten, ihre Posten einzunehmen!<
Gleichzeitig mit dieser Ansage öffnet sich die Schleuse zum HerzstÌck des Schiffes, die Kommandozentrale. Ins Halbdunkel getaucht und mit leisem Piepsen und Flirren macht dieser Raum nicht gerade einen einladenden Eindruck. Ein Schwall abgestandener, warmer Luft schlÀgt den Besatzungsmitgliedern entgegen. Langsam, ohne ihre GesprÀche zu unterbrechen, erheben sich die Besatzungsmitglieder von den Sitzen und schlendern, fast gelangweilt, in die Zentrale. Burg ist erstaunt Ìber diese Gelassenheit. Er hatte mit mehr Aufregung und Neugier gerechnet, aber wahrscheinlich ist das Training im Institut an dieser GleichgÌltigkeit schuld.

>Na denn,....< murmelt Burg vor sich hin und setzt sich als letzter in Bewegung. Als er die Zentrale betritt, hantieren die einen noch an ihrer Kleidung und die anderen an den Sitzen herum. Burg stellt sich vor den Hauptschirm und setzt zu einer kleinen Rede an:
>Also - Leute, ich hoffe, jeder weiß noch worum es geht? NatÃŒrlich wisst ihr das! Aber noch einmal ein Wort zur Verfahrensweise: Wir sind jetzt bei minus zwei Milliarden Jahre. Wir werden die Erde von hier aus einen Tag auf Leben scannen. Wenn kein Leben zu finden ist, springen wir 500 Millionen Jahre zurÃŒck in Richtung Normzeit. Ist auch dann kein Leben zu finden, dann geht es so weiter, finden wir aber Leben, dann werden wir uns wieder um 250 Millionen Jahre von der Normzeit entfernen und erneut scannen. Ich denke, dass wir in spÀtestens zehn Tagen wieder zu Hause sind<. Burg hebt den Kopf, blickt an die Decke des Raumes und fÀhrt fort:
>PI, du beginnst jetzt mit der Berechnung der nÀchsten Zeitfraktur und wir beginnen mit den Untersuchungen.<
PI antwortet nach einem Bruchteil einer Sekunde:
>Ich entkoppele jetzt meine Sensoren und melde mich dann wieder.<
Burg setzt sich auf seinen Platz und schaltet den Hauptschirm ein. Das vertraute Blau der Erde fÃŒllt die große Wand an der Kopfseite der Zentrale. Die Form der Kontinente und Ozeane erinnerte natÃŒrlich nicht im entferntesten an die vertraute Erde. Man erkannte nur große Wolkenformationen und heftige Gewitterfronten, die sich durch zuckende Blitze verrieten.

GeschÀftiges Treiben macht sich in der kleinen Zentrale breit und Burg fordert nach einigen Minuten das erste mal der Reihe nach den Status ab.
>Lisa?<
>Bisher kein höheres Leben gefunden, aber das dauert noch bis ich genaueres sagen kann.<
>Blomberg?<
>Ich habe UnregelmÀßigkeiten in dem Gravitonengenerator, ich muss erst einmal sehen....<
>Dr. Saraszewitsch?<
>Keine UnregelmÀßigkeiten um das Schiff herum, der Mond steht an der vorher berechneten Stelle und ein Mikro-Meteoritenschauer nÀhert sich unserem Schiff und wird in 10 Sekunden Kontakt mit uns haben, aber er stellt kein Problem fÃŒr unseren Gravitonenschirm dar.<
>Lambert?<
>ÂŽtschuldigung, aber ich habe vor Aufregung.... na ja, ich meine.... mir geht es nicht so gut....ich habe Durchfall.....habe ich was verpasst?<, kommt die Antwort unerwartet aus Richtung Schleuse.
Burg fÀhrt mit seinem Sitz herum und starrt Lambert unglÀubig, mit offenem Mund an. Wie konnte ihm entgehen, dass Lambert nicht auf seinem Posten war? Burg versucht sich zu beherrschen, wobei er die Armlehnen seines Sitzes fest umklammert, und leise - ganz leise - fragt er:

>Ist der Gravitonschirm aktiviert?<.

In diesem Moment durchfÀhrt die „Genesis“ ein Vibrieren, wie ein Kranker, der von SchÃŒttelfrost geplagt wird. Dann folgt ein dumpfer Schlag, dem sich ein unheilvolles Pfeifen anschließt. Die Luft entweicht zu schnell, da zu viele mikroskopisch kleine Löcher das Schiff dem All öffnen. Die „Genesis“ beginnt zu trudeln und verliert unkontrolliert an Höhe. Nur Minuten spÀter verwandelt sich das Schiff ÃŒber dem Ozean in der AtmosphÀre in einen glÃŒhenden Feuerball, der kurz vor dem Aufschlag an der KÃŒste in viele kleine StÃŒcke zerspringt.

Auch der UrinatorbehÀlter zerschmettert an einem Felsen. Sein Inhalt ergießt sich in eine kleine PfÃŒtze am Rande des Meeres auf der noch jungfrÀulichen Erde.


Milliarden Jahre spÀter startet ein Raumschiff mit fÌnf Besatzungsmitgliedern, um eine grundsÀtzliche Frage zu klÀren......




Silvio Krone
An der Bahn 18
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